Tod oder Leben


Das Grab, Endstation menschlichen Lebens. Das tiefe Loch in der Erde, in die der Leichnam hinab gesengt wird. Tiefer und dunkler kann kein Ort sein, in den hinein ich einen geliebten Menschen verschwinden sehe. Selbst die unendliche Weite des Universums ist nicht so endgültig und brutal, wie die Erfahrung, dass schwarze dunkle Erde den leblosen Körper oder seine Asche bedeckt.


Aus dieser Gruft, so ist uns klar, wird der Tote nicht wieder hervorkommen können. Dagegen ist das Verstreuen der Asche über dem Meer oder von einer Klippe fast noch der Versuch, dem Tod und damit dem Toten, eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen. Ihn sozusagen über dem Element Erde triumphieren zu lassen. Solange sozusagen noch etwas Konkretes vom Menschen da ist, steht der Mensch in der Versuchung, sich an das zu halten, was konkret ist, weil die Alternative scheinbar nur in unseren Köpfen existiert. Wir halten uns an dem fest, was erfahrbar, fassbar, ja letzten Endes anfassbar ist.


An diesem Ort wird sich entscheiden, ob der Prozess einer unglaublichen Verwandlung stattfindet.Dieser Prozess verändert die Prioritäten unseres Lebens, ja die Prioritäten allen menschlichen Lebens. Es stellt sie im besten Fall auf den Kopf. Mit jedem Gang an diesen Ort des Verlustes und des Todes, kann der Tod und der Verlust, Teil meines Lebens werden. Ich verbinde also Tod mit Leben und schaffe so den Tod ab, der ohne das Leben, des an ihm partizipierenden, also teilhabenden, nicht existiert.

Ebenso schaffe ich aber das Leben ab, das nun auch wieder nicht ohne den Tod existiert. Übergreifend kann man sagen, dass der konkrete oder imaginäre Ort des Friedhofes Leben und Tod in ihrer getrennten Koexistenz vernichtet und in eine Symbiose führen kann, die erst wahrhaft menschliches Dasein definiert.


Durch diese neue Symbiose erhält alles im Leben seinen ursprünglich angedachten Stellenwert zurück. Der Überbegriff dieser Symbiose heißt: Hoffnung! Hoffnung, erwachsen aus der inneren Berührung mit der ewigen Freiheit, der geistigen Zuversicht. Einer Berührung, die stattfindet, weil ich dorthin meine Zuflucht nehme. Eine Zuflucht, die einzig den Schmerz des Lebens auflöst. Weil ich diesen Schmerz sterben lasse in dem ich den Ursprung des Schmerzes sterben lasse: die Fixierung auf das materielle Leben.


Ob ich an Gott glaube oder an die Vergänglichkeit glaube, spielt dabei nicht die wichtigste Rolle, da ich, wenn ich ein Mensch bin, immer nur Glaubender sein kann. Der Glaube des Atheisten birgt ebenso die Chance, aus der Symbiose von Tod und Leben in einen inneren Frieden hineinzuwachsen, wie auch die Hoffnung des Gottgläubigen die Gefahr birgt, den menschlichen Weg und die Vergänglichkeit umgehen zu wollen. In beiden Entwürfen steckt die Aufgabe, im Blick auf die Vergänglichkeit der Natur auch die eigene Vergänglichkeit zu erfahren und zu verwandeln.


Auf dem Friedhof ist ein Teil meines Lebens, nun Teil der Erde, Teil der Natur geworden. Ich erlebe auf dem Friedhof im Werden und Vergehen von Blumen, Pflanzen den Jahreszeiten, den Verstorbenen als Teil dieser Natur. Sein Leib ist ja in dieser Erde. Sei es als Körper oder als Asche. In der Natur entsteht und stirbt beständig Leben. Die Natur aber durchstrahlt eine übergreifende Gegenwart, die als Sein ewigen Bestand hat.


Mein Blick weitet sich von den einzelnen lebendigen und damit vergänglichen Pflanzen, Tieren und auch Menschen, zu dem alles übergreifenden Sein, in das hinein Werden und Vergehen geschieht. Die Trauer und die damit verbundene Erfahrung des Schmerzes lässt in mir eine Sehnsucht danach wachsen, frei von vergänglichem Leben, von trügerischer Freude und Lust, wie auch frei von Verlust und Schmerz werden zu können. Sie gebiert in mir die Sehnsucht, Teil dieses übergreifenden Seins zu werden, welches das Leben umfängt und frei von Werden und Vergehen ist.


Frei sein ist etwas anderes als frei leben. Frei sein ist ein Zustand, frei Leben die Möglichkeit, sich entscheiden zu können. Das Sein, so schwingt es schon in diesem Wort mit, ist bar des Lebens in menschlicher Vorstellung, wie auch bar jeden Leidens. Es ist dies das Sein, das in der Schöpfung unsichtbar gegenwärtig ist und in welches alles Leben einst wieder zurückkehrt. Das dunkelste tiefe Erdenloch, wird zu einem Durchgang einer neuen Realität. Ich hebe die höhere Wertigkeit des Lebens gegenüber dem bisher vielleicht nicht wahrgenommenen Sein auf.


Leben ist nicht mehr über das Sein zu stellen. Das Sein aber ist nicht dem Tod gleichzustellen. In allem, auch außerhalb des Lebens, ist das Sein gegenwärtig und damit unsterblich. Mehr und mehr werde ich dann mein Leben in ein Dasein verwandeln wollen. Damit begebe ich mich nicht zu buddhistischen Lehren, es ist vielmehr die Wahrheit menschlichen Lebens, die als Wahrheit über allen Religionen steht. Paulus beschreibt es in seinem Römerbrief im 1. Kapitel wie folgt: Denn was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit in den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit.


Wenn ich mich dieser Wirklichkeit verschließe, scheitert zwangsläufig mein Dasein. Es wird zu einem Leben, das den Tod verleugnen und ein Leben lang vor ihm fliehen muss aber doch eingeholt wird. Die Aufgabe, das Leben zu überwinden und in das Dasein zu gelangen, stellt sich allen Menschen. Das Neue Testament ist voll von Weisungen, welche die Gottgläubigen auf diesen Weg führen möchte. Alle aber gemeinsam können diese Wahrheit erspüren, wenn sie die Worte des Paulus in sich nachklingen lassen, der eine solche Weisung gibt:1. Kor 7: Denn ich sage euch: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.


Die Einstellung die sich dahinter verbirgt ist die Gelassenheit. In dieser Einstellung habe ich die Täuschungen des Lebens hinter mir gelassen. Ich kann alle Menschen, denen ich begegne, so lassen, wie sie sind. Die stärksten Kräfte des Lebens, die Triebe, die Gefühle und das Besitzstreben lasse ich hinter mir. Das Leben den noch Lebenden lassen, sich zurückziehen aus dem Kampf, der sich in letzter Konsequenz gegen einen Gegner stellt, dem jeder unterliegt: Dem Tod. Nehme ich den Tod und das Leben in mir auf und vereine sie in mir, dann werde ich Teil des unvergänglichen Seins, spüre ich auf Erden schon, dass dies ein Weg aus der Angst und der Flucht ist.


Ich werde Teilhaftig an dem Frieden und der Liebe, die aus dem Sein Gottes ausstrahlt in unsere Welt. Mag ich diese Sprache des Seins Gott nennen oder nicht. Jeder Mensch hat die Chance den Tod zu überwinden. Ich überwinde ihn, wenn ich das endliche Leben, als die Kehrseite des Todes überwinde. Diese Überwindung braucht aber auch mein aktives Wollen. Jedes Denken, welches mich aus der Geborgenheit der inneren Freiheit in Unruhe und Sorgen zieht, muss ich abstellen. Den Aufenthalt im Kopf, als Ort des Denkens fallen lassen, los lassen. Es ist wie ein wohliger Sog, dem ich mich hingebe, aus dem Kopf des Denkens hinweg in die Mitte meines Leibes, in dem die Seele wohnt. in dem die Gedanken verstummen.


Alles gegenständliche Denken ist nicht Gegenwart und damit sterblich und gefühlter Tod, gewühlte Trauer. Die Stille, das Wort Gottes, die Wahrnehmung des Augenblicks aber ist auch die Gegenwart Gottes und damit das wahre Sein, das Leben in Fülle.