Was will ich?

   

Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.

Röm 12,2

 

   

So ist einer von unzähligen Aufforderungen der Heiligen Schrift überliefert, der uns die wichtigste Aufgabe in unserem Glauben vor Augen stellt.

     

Der Wille Gottes spielt in den monotheistischen Religionen eine entscheidende Rolle. Also in Religionen, die an einen Gott glauben, der eine Person ist. Denn seinen Willen zu befolgen oder ihn zu verleugnen entscheidet über Wohl und Wehe unseres Lebens.

     

In den fernöstlichen Religionen ist es eher die Aufgabe, den eigenen Willen gänzlich aufzulösen, wie auch die eigene Person. Trotzdem ist dies eine wahrscheinlich noch größere Willensanstrengung. Das ist vergleichbar mit einem Arbeiter, der sich nicht mehr den Befehlen eines Vorgesetzten fügen möchte.

   

Denn der eigene Wille entsteht nicht im luftleeren Raum. Wir sind ja ständig von Gedanken erfüllt, die uns sozusagen immer gleich vorgeben, was wir am besten in jedem Moment tun sollten. Den eigenen Willen einzusetzen heißt also auch für Christen, dem inneren Drängen zu bestimmten Handlungen zu widerstehen.

     

Besonders schwer ist dies bekanntlich, wenn man gegen Gelüste, Süchte oder eine tief sitzende Sucht stark sein will.

     

Ebenso problematisch ist der Widerstand gegen unsere Emotionen, also Gefühle, die sich in Handlungen Bahn brechen möchten. Wenn ich am Tisch sitze und mein Sohn mitten in einer gemütlichen Mahlzeit den vollen Becher über den Tisch und mein Hemd schüttet; dann ruhig zu bleiben, das ist eine Herkulesaufgabe. Alle Gefühle scheinen in solchen Momenten zu explodieren und wollen sich in einem Schimpfanfall entladen.

     

Auch Gott hat ja einen Willen. Der Wille ist Grundvoraussetzung dafür, Person zu sein. Gott ist für Christen, Juden und Muslime ein Ansprechpartner. Person sein hat mit Eigenständigkeit zu tun. Eine Person braucht einen Willen. Wenn man  glaubt, dass Gott das Universum geschaffen hat, dann ist er auch Person. Denn er hat dann willentlich gehandelt.

     

Dabei sei nebenbei einmal der schlüssige Beweis für Gottes Existenz erwähnt. Denn auf die Frage, warum denn Gott ist und nicht vielmehr das Nichts, kann geantwortet werden: Wenn es auch nur einen Moment das Nichts gegeben hätte, dann hätte niemals mehr etwas existieren können. Da aber alles existiert, gab es niemals Nichts, sondern immer schon Gott.

     

Gott ist also Person. So wie wir Menschen. Wie wichtig den Menschen der eigene Wille ist, möchte ich an einer scheinbar ganz alltäglichen Begebenheit einmal erzählen.

     

Auf dem Spielplatz spielt ein wahrscheinlich dreijähriges Kind. Die Mutter ruft es: Komm Luisa, wir gehen nach Hause. Luisa will aber nicht. Mama will nach Hause, Luisa will bleiben. Wie werden die beiden also nun entscheiden? Wer wird den Willen des Anderen erfüllen? Die Mutter geht ganz langsam los und ruft dem eigenen Kind zu: Dann gehe ich alleine. Du musst dann eben hier alleine bleiben. Das Kind ist verunsichert, fängt an zu weinen und geht widerwillig in Richtung der Mutter.

     

Was sich nicht so besonders aufregend anhört, birgt allerdings psychologisch gehörigen Zündstoff. Die Mutter sagt schließlich mit anderen Worten. Wenn Du nicht meinem Willen folgst, dann verlasse ich Dich.

     

Wie wird sich solch eine Drohung in dem kleinen Kind verankern?

     

Fakt ist, dass wir unzählige Prägungen haben, die ungefähr folgende Botschaften beinhalten: Solange du tust, was ich sage, bist du lieb und ich liebe dich. Wenn du gegen meinen Willen handelst, bist du böse und ich lehne dich ab.

     

Kein Wunder, dass wir dies auf Gott übertragen. Auch von Gott glauben viele, seine Liebe muss durch Leistung und Gutsein verdient werden.

   

Auch gibt es Menschen, die sich nur unter größter Überwindung etwas Gönnen können. Gleich meldet sich das schlechte Gewissen, weil sie da ihren eigenen Wünschen nachgehen und damit ihrem eigenen Willen. Solche Menschen leiden häufig an scheinbar unbegründeter Traurigkeit. Dies rührt daher, dass sie ihr Selbstwertgefühl fast ausschließlich aus äußerlichen Bestätigungen erlangen. Bestätigungen von anderen: dass man lieb ist, dass man das Aufgetragene zur Zufriedenheit erfüllt hat. Zeiten, in denen sie sich selbst ausgeliefert sind, werden als sinnlos und bedrohlich empfunden.

     

Andererseits gibt es auch die genau entgegengesetzte Prägung: Menschen, die immer konkrete Belohnungen erhielten, wenn sie den Willen der Eltern erfüllten, sind fast süchtig nach Konsum, weil sie dieses Gefühl wiederholen wollen und sich in allem, was sie sich kaufen, das Gefühl kaufen wollen, geliebt zu sein.

     

Oder das Problem, sich schuldig zu fühlen, wenn man gar nichts tut. „Hast du wieder Langeweile?“ fragt der Vater wie ein Vorwurf.

     

Alles, was sich in der Kindheit einprägt, ist auf zweifache Weise gefährlich: Einerseits, weil die Erkenntnis fehlt, Erlebnisse durch entsprechende Gedanken zu entwerten oder zu enttarnen. Und, weil sie sich ins Unterbewusstsein einschreiben, welches das ganze Leben begleitet.

     

Für gläubige Menschen ist es daher unumgänglich, die Beziehung zu Gott von alten unrichtigen Prägungen zu entrümpeln und Gott als den irrational Liebenden zu entdecken. Einer Liebe, die nicht der Liebenswürdigkeit bedarf, weil sie über die menschlichen Grenzen hinausgeht. Vor allem deshalb, weil Gott die Grenzen und Fehler in uns in ihrem Ursprung kennt.

     

Ebenso darf ich als Mensch unbegründete traurige Gefühle und Gewissensbisse nicht unhinterfragt annehmen. Alleine schon die Frage an sich selbst zu stellen: „Warum bin ich denn nun so traurig? Es gibt doch gar keinen Grund! Alles ist doch in bester Ordnung!“ kann erlösend sein.

     

Eine weitere Übung ist die, scheinbar vollkommen untätige Zeit ohne schlechtes Gewissen zu genießen. Wahrscheinlich hat Gott aus dem Grunde die Musik erschaffen. Sie macht nicht satt und vertreibt keine Feinde. Aber sie öffnet die Türe zu unserem wahren Menschsein. Sie lässt uns bis in unser Unbewusstes spüren: Du bist wertvoll und geliebt auch ohne, dass Du dafür etwas Nützliches tun musst.

     

Musik erschafft also nichts Nützliches, sonder ist selbst Nützlich. Das was sie erzeugt ist eine innere Verwandlung und kein äußeres Gut.

     

Genauso ist es mit der Betrachtung der Natur, einem guten Gespräch und natürlich dem zweckfreien Gebet.

     

All das, was in materieller Hinsicht ohne Nutzen ist, kann in der rechten Intention genau das sein, zu dem wir als Menschen geschaffen sind. Zumeist muss man es wollen und im Vollzug befreit uns dies auch noch von unserem oft als Last empfundenen Willen.